IFTTT_extended

Das eine folgt aus dem anderen, so schließt man gewöhnlich. In der automatisierten Rationalität digitaler Maschinen wird aus dieser vagen Allerweltsweisheit eine bezwingende Logik unaufhaltsamer Produktivität. »#if this then that« verweist auf einen der einfachsten, geradezu archaischsten Programmierbefehle. Als das Interface noch nicht standardisiert war, mag mancher dieses Kürzel mit zittrigen Fingen in die Tastatur seines C64 gehackt haben, um die unabsehbaren Kettenreaktionen aus leuchtgrünem Zeichensalat zu bestaunen (oder: sich gelangweilt von dieser damals seltenen aber umso zäheren Freizeitbeschäftigung kopfschüttelnd abzuwenden; sich so für das Leben da draussen entscheidend einfach zu gehen, ohne dabei auch nur im geringsten zu ahnen, bereits ins Abseits des digitalen Analphabetismus unterwegs zu sein. Also mit einem kleinen Schritt einen gewaltigen Satz hinter den Mond zu machen). #if this then that spricht über eingeschlagene Pfade und ihre unausweichlichen Folgen.

Schon fünf wird der Projektraum LAGE EGAL am 1. Mai und beschenkt uns und sich selbst bereits vorab mit einer buchstäblich programmatischen Ausstellung. Eigentlich in der Danziger Straße im Prenzlauer Berg beheimatet wechselt Pierre Granoux, um bestimmte Projekte zu realisieren, gerne und regelmäßig den Ort. Für seine Jubiläums-Ausstellung gastiert LAGE EGAL nun in einer beinahe museal anmutenden Ladenzone eines sozialistischen Wohnmaschinen-Riegels an der Leipziger Straße, die für wenige Monate vom Künstlerkollektiv frontviews temporary zwischengenutzt wird. Eine glückliche Fügung, denn durch die Kooperation kann Granoux in den großzügigen Räumlichkeiten immerhin fünfzehn Künstler mit ihren Arbeiten präsentieren, die ihn in den letzten Jahren begleitet haben.

Als Künstler, Kurator und Projektraumbetreiber beschäftigt sich Pierre Granoux überwiegend mit konzeptuellen, seriellen und prozessualen Aspekten von Kunst. Sprache, Automaten und Maschinen rücken dabei wie von selbst in das Blickfeld. Kunst bewegt sich in diesem Feld meistens zwischen der Versuchung, die scheinbare Zweckrationalität alles Maschinellen in Non-Sense umzuwenden, und dem Versuch das funktionalistische Motiv des Seriellen in die eigene Praxis so zu integrieren, dass darin neue Formen des Möglichen erprobt werden können.

Seit der Moderne hat Kunst ihre Selbstverständlichkeit verloren. Auch Zeitgenossen agieren daher in ihrer Praxis streng genommen voraussetzungslos. Im leeren Raum müssen sie sich künstlerisch behaupten. Sie sind gezwungen einen Anfang und einen Rahmen zu definieren, bevor daraus etwas folgen kann. Welche Form kann heute also eine Kunst finden, die unter den technologischen Bedingungen binärer Entscheidungsprozesse entsteht? Erfüllt sie sich im Prozessieren der Maschinen oder behauptet die Kunst eine eigene Form der Produktivität?

Die Ausstellung »#if this then that« will keine fertigen Antworten liefern, zeigt aber unterschiedliche Ansätze und Annäherungen an die veränderten Fragestellungen künstlerischer Praxis. Und zugleich belegt sie, dass Kunst heute immer auch eine Praxis des Ausstellens in einem Labor offener Möglichkeiten ist, das unaufhaltsam Neues produziert. Unaufhaltsam wie der Lauf der Dinge selbst, den hoffentlich das Glück irgendwann noch findet.

Auf jeden Fall: Happy Birthday, LAGE EGAL! Happy Birthday, Pierre Granoux!

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